KI & Energie
KI-Rechenzentren: PJM kündigt für 2027 ein Zuverlässigkeitsdefizit von 6 GW an

Die Debatte hat das Abstrakte verlassen. Bis 2030 werden allein die KI-Rechenzentren so viel Strom verbrauchen, wie heute zwei Drittel aller US-Haushalte zusammen — so die Branchenprognosen, die Anfang Mai 2026 zusammengetragen wurden. Der Gesamtverbrauch der Rechenzentren wird sich verdoppeln, der KI-Anteil sich verdreifachen. Das amerikanische Stromnetz in seiner heutigen Konfiguration ist darauf nicht ausgelegt.
Die Warnung von PJM
PJM Interconnection, der grösste Netzbetreiber der USA, versorgt über 65 Millionen Menschen in 13 Bundesstaaten von New Jersey bis North Carolina. Für 2027 prognostiziert das Unternehmen ein Defizit von 6 GW gegenüber den eigenen Zuverlässigkeitsanforderungen. Die Lücke ist gross genug, dass der unabhängige Marktmonitor des Netzes von einer „akuten Krisenstufe" spricht. So knapp war PJM noch nie.
Wie die Betreiber reagieren
Drei Muster zeichnen sich ab. Erstens Erzeugung hinter dem Zähler: Hyperscaler und KI-native Betreiber siedeln Stromerzeugung direkt neben der Rechenleistung an, zunehmend mit Erdgasturbinen, reaktivierten Kernkraftwerken (Three Mile Island, Palisades) sowie einer wachsenden Pipeline von Abnahmevereinbarungen mit kleinen modularen Reaktoren (SMR). Zweitens dedizierte Übertragung: Versorgungsprojekte mit privater Finanzierung für Leitungen, die Rechenzentren mit Erzeugern verbinden — oft über Bundesstaatsgrenzen hinweg, was schwieriger wiegt als das technische Problem selbst. Drittens Lastmanagement: Rechenzentren bieten in Grosshandelsmärkten mit und drosseln zu Spitzenzeiten, eine Haltung, die vom Theoretischen ins wirtschaftlich Notwendige gewandert ist.
Die Atompipeline
Die markanteste Zahl: Abnahmevereinbarungen zwischen Rechenzentrumsbetreibern und SMR-Projekten sind von 25 GW Ende 2024 auf 45 GW Anfang Mai 2026 gewachsen. Die meisten dieser Vereinbarungen sind bedingt, die meisten dieser Reaktoren werden vor Anfang der 2030er-Jahre keinen Strom liefern. Doch die Pipeline ist heute strukturell anders als alles, was die US-Atomindustrie seit den 1980er-Jahren gesehen hat. Vier präsidiale Anordnungen, dieses Jahr vom Weissen Haus zur Beschleunigung des Atomausbaus unterzeichnet, geben politischen Rückenwind.
Die Politik
Polymarket-Trader veranschlagen eine implizite Wahrscheinlichkeit von 93,5 %, dass bis Ende 2026 mindestens ein qualifizierendes Moratorium auf KI-Rechenzentren in einem US-Bundesstaat in Kraft tritt. Der lokale Widerstand verdichtet sich um Wasserverbrauch, Netzbelastung, Auswirkungen auf Tarifkundinnen und -kunden (die Last der Rechenzentren kann private Stromrechnungen erhöhen, wenn Anschlusskosten sozialisiert werden) und Emissionen. Mehrere Bundesstaaten beraten Moratorien, in einzelnen Counties gibt es bereits welche.
Was das für Europa heisst
Europa verläuft auf einer parallelen, aber späteren Bahn. Die Nachfrage nach Rechenzentren in der EU steigt, vor allem in Frankfurt, Dublin, Amsterdam — und zunehmend in den nordischen Ländern. Luxemburg sitzt hier nicht ungünstig: stabiles Netz, kühle Klimakorridore an der Mosel, hohe Glasfaserdichte. Die bindende Beschränkung ist jedoch dieselbe wie in den USA: die Netzkapazität. Die IEA hatte das in ihrem 2025er-Bericht zum Stromhunger der Rechenzentren markiert. Welche Entscheidungen 2026 zu Erzeugung, Übertragung und Bauleitplanung getroffen werden, wird bestimmen, wie Europas KI-Rechenfussabdruck 2030 aussieht.
Häufig gefragt
- Was ist PJM?
- Der grösste US-Netzbetreiber, der über 65 Millionen Menschen in 13 Bundesstaaten von New Jersey bis North Carolina versorgt.
- Wie kommen Betreiber an Strom?
- Erzeugung hinter dem Zähler (Gas, reaktivierte Kernkraft, SMR), dedizierte Übertragung und Lastmanagement auf der Nachfrageseite.
- Ist Europa betroffen?
- Ja — auf einer parallelen, aber späteren Bahn. Frankfurt, Dublin, Amsterdam und die Nordics sind die Hubs; die Netzkapazität ist die bindende Beschränkung.
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